Kunsttöpferei - Friedrich Festersen - Anlage 19

Kunsttöpferei Friedrich Festersen

(Berlin 1909 - 1922)

Anlage 19

Der Dürerbund und „Das gediegene Gerät fürs Haus“

Der „Dürerbund“ wurde am 1. Oktober 1902 in Dresden von Ferdinand Avenarius (1856-1923) im Zusammenwirken mit Paul Schumann gegründet und bestand bis 1935 fort. Das Ziel des Vereins bestand in der ästhetischen Erziehung des Volkes und in der Pflege der Kultur. Er wurde zur führenden kulturreformatorischen Organisation im deutschsprachigen Raum. Der anfängliche Grund für die Gründung war, die Sympathisanten und rund 20.000 Leser der Zeitschrift „Kunstwart“ in einer Institution zu verbinden. Herausgegeben wurde die Zeitschrift, die von 1887-1937 existierte, zu dieser Zeit von Ferdinand Avenarius.

Avenarius war es auch, der Schmidt von den „Dresdner Werkstätten“ (später Deutsche Werkstätten) förderte und unterstützte.

Bis 1912 zog der „Dürerbund“ rund 300.000 gleichgesinnte Mitglieder aus dem bürgerlich gebildeten Mittelstand an. Ca. 6.000 Einzelmitglieder und 350 Vereine hatten eine Einzel- bzw. korporative Mitgliedschaft.

Nach dem Mitglieder-Verzeichnis von 1905 sind darin rund 44 Prozent Lehrer (überwiegend von Volksschulen) und Geistliche, 19 Prozent Schüler, Studenten, Referendare, 28 aus weiteren Berufen mit Bildungsvoraussetzungen und 9 Prozent aus wirtschaftlichen Berufen.

Im Jahr 1912 publizierte der kulturkonservative „Dürerbund“ in Zusammenarbeit mit der von ihm gegründeten „Gemeinnützigen Vertriebsstelle Deutsche Qualitätsarbeit GmbH“ Dresden Hellerau einen Bestellkatalog für mustergültige Waren, wobei Haushalts- und Gebrauchsgegenstände dominierten. Drei Ziele verbanden sich mit der Gründungsidee der Vertriebsstelle: Den Käufern „gute“ Ware preiswert zu beschaffen, die Hersteller anzuregen, „gute“ Ware zu produzieren und den Gewinn für gemeinnützige Kulturzwecke zu verwenden.

Die Vertriebsstelle erteilte auch Rat bei der Anschaffung von Haushaltswaren, der Warenkatalog lieferte Anschauungsmaterial.1

Unter dem Titel „Gediegenes Gerät fürs Haus“ propagierte dann der „Dürerbund“ die elementare Formgebung durch industriell hergestellte, also gestanzte, gepresste oder gezogene „Aluminium- und Nickelwaren“ einerseits, und handgearbeitete „Kunstschmiedearbeiten“, „Hellerauer Schmuck“, „Festersentöpferei“, hochwertige, überfeine Stücke der Porzellanmanufakturen und der Möbel- und Spielzeugwerkstätten andererseits, als zeitgemäßes Ausdruckmittel.

„Gediegenheit“ war vorerst das zentrale Verkaufsargument. Seiner Wortbedeutung nach forderte es die Solidität der Verarbeitung, die Verwendung natürlicher, echter Stoffe im Gegensatz zu synthetischen und nicht zuletzt den verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Ressourcen. In den vorbildlichen Gebrauchsgeräten sollten sich vor allem bürgerlich-moralische Charaktereigenschaften des Echten, des Einfachen und Wahrhaftigen, des Volkstümlichen und Bodenständigen, des Wohlfeilen und Dauerhaften manifestieren. Das ging weit über eine ästhetische Geschmacksbildung hinaus und zielte auf volkspädagogische Erziehungsarbeit.2

Abgesehen von den handgenähten Kinderkleidern aus den Hellerauer Werkstätten fehlt, außer den Konfektionswaren, kein größerer Warenbereich für den häuslichen Bedarf. Geordnet nach Funktionszusammenhängen und Materialgruppen sind vom Küchengerät, über Eß- und Wohnzimmermöbel bis zu Spiel- und Freizeitgerät wichtige häusliche Gebrauchsgegenstände und Ausstattungswaren vertreten.“3

Entwürfe stammten von Peter Behrends, Bruno Paul, Richard Riemerschmid, Paul Hahnstein, Erich Kleinhempel und anderen.

Gudrun König (2007) vergleicht trotz aller widrigen Umstände, denn man kann von Katalogabbildungen nicht auf die tatsächliche Qualität der angebotenen Ware schließen, das Angebot und Preisniveau bei Waschgarnituren:

„Gediegenes Gerät“ versus Warenkatalog des KaDeWe Berlin von 1913. Vergleich von Waschgarnitur (fünfteilig):

KaDeWe: günstigste: 4,75 Mark, teuerste 35 Mark, 13 Garnituren

„Gediegenes Gerät“: günstigste 4,50 Mark, teuerste 13,55 Mark, 4 Garnituren.

Fazit in Bezug auf Waschgarnituren: Der KaDeWe Katalog erweist sich absolut wie durchschnittlich hochpreisiger, allerdings ist das Angebot bei relativ günstiger Ware etwas breiter. Anhand weiterer ausgewählter Vergleiche legt König (2007) dar, dass der Dürerbundkatalog nicht teurer war als der Warenhauskatalog, obwohl er von zeitgenössischen Kritikern als „zu teuer“ abgelehnt worden war.

Gudrun Königs (2007) Überlegung zur Ablehnung des Katalogs wegen zu hoher Preise: „Vielleicht war es gerade die permanente Belehrung, das Besserwissen, die Aufladung der Dinge, der Purismus, kurz die Diktatur des guten Geschmacks, die Widerstand hervorrief, denn dann genügen kleine Preisdifferenzen, um das ideologisch-ästhetische Gesamtpaket als Problem des Preises zu verhandeln.“

Rezepa-Zabel (2005) dagegen übernimmt die Einschätzung, dass die Preise überdurchschnittlich hoch waren, ohne jedoch eigene Vergleiche anzustellen. Das von Velten Vordamm hergestellte Geschirr beurteilt sie wie folgt (GG = Katalog Gediegenes Gerät):

„Famos sind die Preise. Das 23-teilige, unverziert elfenbeinfarbig glasierte Tafelservice (GG S. 77/1000) zu dem eine Terrine, ein Kartoffelnapf, eine ovale Schüssel eine Kompottschüssel, eine Sauciere, je sechs flache, tiefe und Dessertteller zählten, kostete Mk. 7,75. mit Goldrand Mk. 11,15. Das sechsteilige Frühstücksgeschirr mit der Standardausstattung von zwei Tassen, einer Kaffeekanne, einem Milchtopf, einer Zuckerdose und einem großen Servierbrett wurde für Mk. 2,65 angeboten (GG S. 78/1002a).“

Was wurde noch an Keramik im Katalog angeboten? (Angaben aus Rezepa-Zabel 2005) Geschirre und einzelne Gebrauchsgegenstände der Steingutfabrik Vordamm (GG: S. 77-82): Tafelservice, Frühstücksgeschirr, Waschgarnitur, Vasen, Blumentöpfe, Dosen. (KatalogNr. 1000-1031) Krüge, Vasen, Teller, Schalen aus diesen alten Töpferzentren: Bürgel: S. 83, traditioneller Malhorndekor und moderne Laufglasuren GG KatalogNr. 1031-1062, Westerwald: S. 86, u.a. Künstlerentwürfe von Albin Müller, Paul Wynand u.a sowie Festersen: S. 84+85 GG KatalogNr. 1063-1102.

Festersenkeramik war also prominent vertreten. Auf zwei Seiten mit 39 abgebildeten Produkten von insgesamt 160 Seiten wurden ausschließlich Töpferwaren aus der „Festersentöpferei“ angeboten.

Im Gegensatz zu den Waren aus dem Katalog der „Deutschen Werkstätten“ sind diverse Exponate in heutigen Sammlungen und Verkaufsangeboten bekannt, die im Katalog des Dürerbunds vertrieben wurden. Auch hier zeigt sich Festersens Vorliebe zu individuell gestalteten Unikaten. Man findet Stücke, die in Größe, Form und Dekor denen aus dem Katalog entsprechen, aber auch welche mit leichten Abweichungen, besonders im Dekor.

Theodor Heuss beschreibt in seinen Erinnerungen an das Jahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg die „geistige Macht“ dieser Gemeinschaft und die seines Gründers: „Er [Avenarius] war wohl nach der Jahrhundertwende neben Lichtwark die größte Figur einer bewußten, auf das Sinnenhafte, das bei den Deutschen so fragwürdig geworden war, gerichteten Volkspädagogik. Man sah es in jener Zeit an den Pfarr- und Lehrerwohnungen, den Einrichtungen von Postsekretären und Amtsrichtern, am Wandschmuck, an der Möbelauswahl, vor den Bücherregalen, ob hier ein Bezieher des `Kunstwart´ hause. Das hat es vergleichbar vorher und nachher in Deutschland nicht mehr gegeben.“4

Generell schreibt Heide Rezepa-Zabel zum Katalog: „Die so gestaltete Modernität schien schlüssig, doch mangelte es an Überzeugungskraft. Den Übergang zu neuer Produktionsart legten nur die Waren des ständigen Gebrauchs nahe. In der Überzahl handelte es sich aber um feine, aufwendige, weil makellos gearbeitete Handarbeiten oder um von Kunsthandwerkern gefertigte, hochstehende Unikate beziehungsweise Kleinserien, die sich vor allem zur individuellen Distinktion eigneten. Dem erzgebirgischem Handwerker blieb allerdings sein selbst gefertigtes ‚Reformspielzeug‘ unerschwinglich. Um die Gunst seiner Einkommensschicht warb das einfach geformte, weiße oder mit schablonierten Dekorbändern versehene Steingutgeschirr aus Velten-Vordamm, dass ihn 1912 nur allzu deutlich auf seinesgleichen zurückwies.“5

Im 1915 erschienenen „Deutschen Warenbund“, herausgegeben vom Deutschen Werkbund, wird keine Festersen-Keramik angeboten. Einzig das mit Rädchen verzierte Service wurde dort auch verkauft.

Dies dürfte an der anderen Ausrichtung gelegen haben, die die Zukunft weniger bei aufwendig handgefertigten Dingen sah, die sich nur eine Minderheit leisten konnte, als bei der Verbesserung der industriell hergestellten und damit massentauglichen Waren.

„Das hohe Ziel der Kunstgewerbler und Geschmacksprotagonisten, günstige und zweckmäßige Gebrauchsgegenstände sozial in allen Schichten zu verbreiten, gilt in der wissenschaftlichen Literatur als unerreicht.“6

Um einen Vergleich der Preise in Relation zum Einkommen zu haben, eine Angabe aus 1907. Dabei dürften die Einkommen bis 1912 nicht erheblich größer geworden sein.

„Das lehrt im übrigen auch ein Blick in die Einkommensteuerstatistik 1907. Danach bezogen im Jahre 1907 in Berlin von physischen Personen ca. 90% aller Zensiten ein Einkommen von nur 900-3.000 M., ca. 6% ein solches von 3.000-6.500 M., 1,7 % ein solches von 6.500-9.500 M.“ Post sieht die Typenmöbel als noch zu teuer für die breite Masse an.7



1 Vgl. König, Gudrun M.: Konsumkultur. Inszenierte Warenwelt um 1900, Verlag Böhlau, Köln 2007, S. 72

2 Vgl. Rezepa-Zabel, Heide: „Neuere Forschungsergebnisse zum Deutschen Warenbuch“ http://www.museumderdinge.de/institution/historisches-kernthema/neuere-forschungsergebnisse-zumdeutschen-warenbuch.

3 Vgl. König, Gudrun M.: Konsumkultur. Inszenierte Warenwelt um 1900, Verlag Böhlau, Köln 2007, S. 75

4 Vgl. Rezepa-Zabel, Heide: „Neuere Forschungsergebnisse zum Deutschen Warenbuch http://www.museumderdinge.de/institution/historisches-kernthema/neuere-forschungsergebnisse-zumdeutschen-warenbuch

5 Vgl. http://www.museumderdinge.de/institution/historisches-kernthema/neuere-forschungsergebnisse-zumdeutschen-warenbuch

6 Vgl. Vgl. König, Gudrun M.: Konsumkultur. Inszenierte Warenwelt um 1900, Verlag Böhlau, Köln 2007, S. 88. Sie bezieht sich dabei auf Junghanns, Kurt: Der Deutsche Werkbund. Sein erstes Jahrzehnt. Berlin 1982, S. 37 ff.).

7 Vgl. Dr. Post, Hermann: Typenmöbel, S. 258-264 in: Die Kunst 1908/1909 Bd. 20. S. 263

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